Tempel der großen Göttin
Mystic Ireland - Ein Bericht über die Reise nach Irland


1. Tag - Anreise

Irland scheint am Ende der Welt zu liegen. Wer an der Westküste Irlands steht, blickt über den Atlantik in unendliche Ferne - für Tausende von Kilometern kommt dann kein Land mehr. Die Insel liegt an der Grenze zur "Anderswelt", der Welt des "Kleinen Volkes", der Elben, Naturgeister und Zwerge oder der Welt der Götterwesen. Das irische Licht ist von einer unbeschreiblichen Intensität, als könne hier ein feiner Lichtschein aus dem Paradies die feste Materie durchdringen. Wenn man den alten Geschichten glauben mag, haben hier für lange Zeit Götter, Geister und Menschen gemeinsam das Land bevölkert. Bezeichnend ist, daß die Iren nicht von einer "Jenseitswelt" sprechen, sondern von der "Otherworld", der Anderswelt, die neben unserer alltäglichen Welt genauso real existiert. Wenn wir die alten Plätze Irlands besuchen, treten wir in diese Anderswelt ein. Unsere Wahrnehmung, das Licht und der Rhythmus der Zeit ändern sich. Wir lernen, mit unseren inneren Augen zu schauen.

Unsere Reise beginnt mit der Fahrt von Dublin Airport nach Navan. Bereits auf dieser kurzen Strecke begegnet uns Irland mit den beiden nachhaltigsten Eindrücken: Das satte Grün der Wiesen und der blaue Himmel, über den unablässig weiße Wolken nach Osten ziehen, bilden die Kulisse für die Erlebnisse der folgenden Tage.

Im folgenden Reisebericht ist der typischen Ablauf einer Reise ins "Mystic Ireland" geschildert.

2. Tag - Das Boyne Valley

Unsere Reise beginnt in der fruchtbarsten Gegend Irlands, dem Dreieck zwischen den Städten Dublin, Mullingar und Dundalk. Fast ein Jahrtausend lang wurden zwischen Iren, Engländern, Dänen, Holländern, Spaniern und Franzosen blutige Kämpfe um diesen Landstrich ausgefochten. Vor allem hier, wie auch im Süden Irlands, hatten sich seit dem 15. Jahrhundert englische Gutsherren niedergelassen und die irische Bevölkerung in die bettelarmen Gebiete im Norden und Westen der Insel gedrängt. Aber schon Äonen früher, in der Jungsteinzeit, haben im fruchtbaren Tal des Flusses Boyne wohlhabende Stämme von Ackerbauern ein reiches kulturelles und soziales Leben geführt. 1000 Jahre vor den ägyptischen Pyramiden entstanden hier die gewaltigen Sonnentempel Newgrange, Knowth und Dowth - sogenannte Ganggräber (passage tombs) oder "Cairns": runde Steinhügel, in die ein langer Gang zu einer drei- oder mehrgliedrigen Kammer führt. Die Basis des Hügels ist mit Megalithsteinen flankiert. Newgrange, mit 100 Metern Durchmesser der gewaltigste der drei Tempel, ist weltberühmt für ein einzigartiges Phänomen zur Wintersonnwende: Etwa 5 Tage lang dringt dann ein Lichtstrahl in das Innere der Kammer. In den 60er und 70er Jahren wurde Newgrange vom Team des Archäologen Prof. O'Kelly komplett zerlegt und mit Hilfe von viel Beton wieder zusammengebastelt. Dasselbe Schicksal erleidet seit mehr als 30 Jahren das Heiligtum Knowth. Der dritte Tempel, Dowth, liegt noch ungestört unter einer Brombeerhecke. Auch wenn Newgrange und Knowth heute fast unerträglich kommerzialisiert sind - man muß sie doch gesehen haben, um das alte Irland zu verstehen. Nirgendwo sonst sind die Anlagen derart gigantisch und strahlen so stark das Flair eines frühen, untergegangenen Welt-Zentrums aus, vergleichbar einer heutigen großen Universität.

Der Weg nach Newgrange führt durch ein Visitors-Center an den Empfang, wo die Gruppen für die Führungen ins Innere der Passage eingeteilt werden. Der Führer demonstriert den Lichteffekt, der sich zur Sonnwende einstellt. Man hat ein wenig Zeit, die wunderschönen Ritzungen in den Steinen zu bewundern. Wir gehen anschließend um den Cairn herum und studieren einige der verzierten Steine der Umfassung. Von Newgrange aus wandern wir ein Stückchen über Land nach Knowth, einer ähnlichen Anlage, die jedoch auf die Tagundnachtgleiche ausgerichtet ist. Im Osten und Westen befindet sich jeweils eine sehr schmale Passage. Die Ritzungen in den Steinen von Knowth sind noch vielfältiger und geheimnisvoller. Manche Wissenschaftler sehen darin lediglich "Kunst" oder "Verzierungen", manche lesen detaillierte astronomische Kalender ab. Überall finden sich die Symbole der zyklischen Kultur der Großen Göttin: Zickzack, Rhomben, Spiralen, konzentrische Kreise, Hörner etc. Es ist eine Schrift, eine Sprache, die wir heute nicht mehr lesen können. Lassen wir uns aber ganzheitlich von den Chiffren berühren, so spricht dieses uralte, hier in Stein fixierte Gedankengut noch genauso zu uns wie zu den Menschen vor über 5000 Jahren.

Der größte Teil von Knowth ist aufgrund der fortdauernden Ausgrabungen gesperrt. Die Archäologie-Baustelle tut einem in der Seele weh: Hier wird ausschließlich die Materie untersucht. Niemand scheint ein Gefühl für den Geist der Anlage zu haben. Da tut es gut, eine stille Stunde in Dowth zu verbringen. Ein Teil dieses Heiligtums wurde zwar im vorigen Jahrhundert als Steinbruch benutzt, ansonsten wirkt es aber ungestört. Ein wunderbarer Ahornbaum lädt ein, die Augen zu schließen oder in den irischen Himmel zu schauen. Interessant in Dowth ist vor allem ein Stein, der sieben verschiedene Sonnen in einer Reihe zeigt. Es ist anzunehmen, daß dieser Stein die aufgehende Sonne an den Tagen um die Tagundnachtgleiche einfangen sollte. Die Sonnen sind als das wohl wichtigste Symbol der Großen Mutter dargestellt, als das Auge der Göttin.

Von Dowth fahren wir nach Tara, dem legendären Sitz der keltischen Hochkönige. Daß dieser Ort auch schon in der Jungsteinzeit ein wichtiges Zentrum war, bezeugt ein kleines Passage-Tomb aus der Zeit von Newgrange. Wir nähern uns dem Ort über die sogenannte Banqueting-Hall, angeblich die Grundmauern einer riesenhaften Banketthalle. Dies gehört jedoch zu den vielen Legenden, die sich um Tara ranken. Niemand weiß, wozu diese Erdwälle geschaffen wurden. Wir untersuchen sie mit der Wünschelrute und beschäftigen uns mit dem Phänomen der linearen Kraftströme, die in solchen Anlagen zu fließen scheinen. Das Zentrum von Tara, der eigentliche Königssitz, besteht aus zwei von Wall und Graben eingefaßten Plateaus, die gemeinsam die Form einer liegenden Acht bilden. Auf einem der Plateaus steht der einzige in Irland bekannte Omphalos-Stein, der Krönungsstein der Könige.

In Tara haben wir etwas Zeit, um den Platz zu erkunden und uns auf die kommenden Tage im grünen Irland einzulassen. Von diesem etwas erhöhten Punkt aus hat man eine weite Sicht in das umliegende Land. Ein wenig hangabwärts liegt ein zauberhaftes Wäldchen mit großen alten Bäumen, an deren Art und Wachstum man viel über die Qualität des Ortes ablesen kann. Unser Lieblingsplatz ist ein alter Weißdornbusch, in dem immer kleine Opfergaben liegen. Meist schickt uns die Abendsonne ein paar Strahlen, um das Land in goldenes Licht zu tauchen.

3. Tag - Emain Macha

Wir beginnen unsere Fahrt in den Norden Irlands. Am Abend des dritten Tages werden wir am äußersten nordwestlichen Punkt angekommen sein, also liegt noch eine große Strecke vor uns. Die erste Station dieses Tages ist der Sitz der Könige von Ulster, Navan Fort oder Emain Macha. Der gälische Begriff bedeutet übersetzt "die Zwillinge der Göttin Macha". Der keltische König O'Connor forderte einmal die Göttin Macha zu einem Wettrennen heraus. Die Göttin gewann das Rennen, aber da sie schwanger war, gebar sie gleich darauf Zwillinge. Es ist äußerlich nicht sichtbar, wodurch die Zwillinge an diesem Ort dargestellt werden. Das Navan Fort ist ein runder, von einem kleinen Wall eingefaßter Hügel, ein uralter Versammlungsort für soziale und kultische Zwecke. Heute wird diese Anlage von einer engagierten und ungewöhnlich sensiblen Gruppe von Archäologen betreut, die ein sehr interessantes Informationszentrum gestaltet haben, in dem wir den erstaunlichen inneren Aufbau des Hügels erfahren. Anschließend verbringen wir eine Stunde in Emain Macha. Man kann dort schön an den alten Bäumen auf dem Wall sitzen. Auf der Kuppe des Hügels vollzieht sich eine merkwürdige Transformation der Energie, die hier heraufstrahlt. Wer diese Phänomene untersuchen mag, findet jetzt die Zeit dazu.

Navan Fort ist nicht das einzige Heiligtum in dieser Gegend. Offenbar war hier in der Frühzeit ein vielfältiger Lebensraum, der verschiedene Siedlungsplätze und heilige Orte beheimatete. Wir wandern zwei Kilometer durch das angrenzende Tal zu einem eigenartigen kleinen Tümpel, The King's Stables, der ein alter Kultplatz ist. Die Legende verknüpft den Ort mit einem Drachen.

Der Teich faßt ein enormes energetisches Potential, das je nach Ausrichtung zerstörerisch oder fruchtbar wirken kann. Auf der gepflegten Wiese dieses selten besuchten Ortes machen wir es uns zum Picknick gemütlich. Eine Hälfte des Tümpels ist von einem Gürtel aus Wildkirschen eingefaßt, die ihre Äste weit über das von einer dicken Pflanzenschicht bedeckte Wasser strecken, als suchten sie dessen Kräfte so weit wie möglich einzusaugen. In dem Waldstück herrscht eine angeregte, herausfordernde Atmosphäre. Manche empfinden diesen Platz als recht problematisch, andere könnten wiederum stundenlang unter einem der Kirschbäume meditieren.
Man könnte eine ganze Woche in dem Navan-Komplex verbringen. Wir beschränken uns jedoch nur auf die zwei herausragenden Punkte Emain Macha und King's Stables. Denn an diesem Tag steht noch ein weiterer erstaunlicher Ort auf dem Programm, das Heiligtum Beaghmore.

Für uns sind die Steinkreise von Beaghmore eines der rätselhaftesten Bauwerke der Jungsteinzeit. Erst vor wenigen Jahren wurde unter dem Hochmoor eine Reihe von Kreisen aus relativ kleinen Steinen gefunden, die jeweils paarweise angeordnet sind. Zwischen jedem Kreispaar liegt ein kleiner runder Hügel aus aufgeschichteten Steinen. Auf dieses Zentrum führt jeweils eine schnurgerade Steinsetzung hin.
Auf der Suche nach einem Ansatzpunkt, der die Bedeutung des Ortes erschließen könnte, bemerkten wir, wie unterschiedlich die einzelnen Kreise oder auch einzelne Steine auf Menschen wirken. Wenn man sich in das Zentrum eines Kreispaares stellt, verändert sich die wahrgenommene Energie sehr stark, sobald sich weitere Personen in das Zentrum der zugehörigen Kreise stellen. Ein interessantes Experiment ist z.B. auch, eine Steinreihe abzuschreiten, und dabei die Körperreaktion zu beobachten. Aus naturverbundenen Kulturen wissen wir, daß sich Schamanen an besondere Plätze begeben, um in einen anderen Bewußtsteinszustand zu gelangen. Beaghmore übt nachweislich starken Einfluß auf die Wahrnehmung aus. Wurde der Ort womöglich für schamanische Reisen oder für die direkte Begegnung mit der Göttin benutzt?

Mit Beahgmore begegnen wir zum ersten Mal der urprünglichen jungsteinzeitlichen Kultur Irlands. Die großartigen Cairns mit den verzierten Steinen, wie z.B. Newgrange, stammen nämlich von einer Gesellschaft, die erst ab 4500 v. Chr. nach Irland eingewandert ist. Vermutlich stammten diese Menschen aus dem Donauraum. Sie wichen langsam vor den aus dem Schwarzmeerraum einwandernden, patriarchal strukturierten Stämmen nach Westen aus, zogen durch ganz Mitteleuropa und fanden schließlich in Irland ihr letztes Refugium. In Irland trafen diese Alt-Europäer auf eine bereits bestehende megalithische Kultur, von der heute vor allem Steinkreise und Ahnentempel in Form von sogenannten Langgräbern erhalten sind. Anscheinend ohne sich zu vermischen haben die beiden Kulturen über rund zweitausend Jahre gemeinsam in Irland existiert. Oft liegen ihre Tempel in Sichtweite voneinander entfernt; viele wurden zeitgleich erbaut und genutzt. Art und Charakter sind jedoch sehr unterschiedlich. Die Gesellschaft der kontinentalen Einwanderer, der Newgrange zuzuordnen ist, baute runde Tempel bevorzugt auf Höhenzügen. Die alteingesessene Urbevölkerung errichtete dagegen Steinkreise und Langgräber bevorzugt an sanft abfallenden Hängen oder im Tal. Die Newgrange-Leute dekorierten ihre Steine und verwandten offenbar viel Energie darauf, die Gestirne zu beobachten. Die Tempel der ursprünglichen Kultur deuten vor allem auf einen intensiven Ahnenkult hin.

4. Tag - Reise nach Donegal

Unweit des Hotels, in dem wir die Nacht vom zweiten auf den dritten Reisetag verbringen, liegt der verwunschene Steinkreis Beltony. Der Name erinnert an das keltische Fruchtbarkeitsfest Beltane, das Anfang Mai gefeiert wurde. Wir wandern am Morgen den Hügel hinauf und verbringen eine stille Stunde mit den tanzenden Steinen. Der Steinkreis ist noch ziemlich vollständig erhalten. Die Steine sind sehr dicht gesetzt, so daß man im Zentrum des Kreises rundherum geschützt ist. Auch innerhalb des Kreises stehen noch einige Steine, doch ist hier keine klare Struktur mehr zu erkennen. Einer der inneren Steine besitzt eine besondere, quarzhaltige Struktur, die uns auf dieser Reise noch öfter begegnen wird. Quartz scheint im alten Irland eine besondere Rolle gepielt zu haben. Die Cairns der Newgrange-Kultur waren teilweise von einer Schicht Quartzsteine ummantelt, so daß sie weiß in der Sonne geglänzt haben. Auch an Orten wie Beltony findet man jede Menge kleinerer Quartzsteine. Die Arbeit mit Wünschelrute oder Pendel fördert hier erstaunliche Effekte zutage, die selbst erfahrene Radiästheten nachdenklich machen.

Der Beltony Stonecircle liegt einsam auf seiner Bergkuppe; das Land umher ist nur spärlich besiedelt, und es scheint, als läge eine schützende Tarnkappe über dem Platz. Niemand kann hier das Kleine Volk stören, das in der Dämmmerung den Kreis besuchen kommt. Diese Einsamkeit, in der man ungestört die Schwingung des Landes wahrnehmen kann, macht das Besondere der irischen Heiligtümer aus.
Nach Beltony steht uns ein langer Weg in den Nordwesten bevor. Die Busfahrt ist wegen schlechter Straßenverhältnisse mitunter etwas anstrengend, dafür ist die Landschaft, die wir durchqueren, umso faszinierender. Karge Hochmoore wechseln mit romantischen Flußtälern und felsigen Schafweiden. Je weiter wir nach Westen kommen, desto wilder und einsamer wird das Land. Wir unterbrechen die Fahrt, um die Ahnentempel Aghanaglack und Corracloona zu besuchen. Diese Anlagen sind typisch für die ursprüngliche Megalithkultur Irlands. Aghanaglack ist ein sogenanntes Doppelhofgrab. Von einer zentralen Kammer ausgehend, münden zwei Steinpassagen nach außen in einem halbrunden, von Steinen begrenzten Hof vor dem Eingang in den Tempel. Im Mittelalter wurde die Anlage stark zerstört, so daß nur noch die Grundstruktur sichtbar ist. Die energetische Struktur ist jedoch noch nachzuweisen. Sie ist eine spezifische Form der auf dem ganzen Erdball bekannten "Spirit Line" und kann in sämtlichen ähnlich gebauten Tempelanlagen festgestellt werden. Schamanen nehmen über solche Pfade Kontakt mit den Ahnen auf.

Die Anlage von Aghanaglack hat eine sehr starke Ausstrahlung, wild und urwüchsig. Im Wald versteckt befindet sich ein eindrucksvoller Naturplatz, eine zugewucherte Felsspalte, aus der die Dämpfe der Unterwelt an die Oberfläche zu brodeln scheinen.
Viel lieblicher wirkt dagegen das zweite Ahnentempelchen, das wir in der Abenddämmerung besuchen: Prince Connell's Grave in Corracloona. Es ist ähnlich aufgebaut wie Aghanaglack, besitzt jedoch nur einen Hof. Interessanterweise wird hier der Austritt der Spirit-Line aus der inneren Kammer durch ein in den Stein gebrochenes Loch begrenzt. Die Linie folgt dem ansteigenden Berghang und verschwindet dann in die Unendlichkeit. Prince Connell's Grave liegt in einem kargen Heideland mit kleinen Birken- und Kiefernwäldern, das eine süße Melancholie ausstrahlt. Alles scheint in ein graurosa Licht getaucht zu sein.

Auf unserer Weiterfahrt nach Glencolmcille fahren wir weite Strecken durch dieses Heideland. Das letzte Stück des Weges führt an der Küste hinauf in die Berge der Grafschaft Donegal. Hier werden die Bäume immer spärlicher, es gibt nur noch Heide und große Torfstiche. Unser Hotel ist das einzige im Umkreis von 30 Kilometern. Es liegt in Sichtweite des Atlantiks an einer hohen Klippe. Hier werden wir zwei Nächte verbringen.

5. Tag - Glencolmcille

Glencolmcille bedeutet übersetzt "das Tal des heiligen Columbcille". St. Columbcille war einer der 12 Schüler von St. Patrick, die im 5. Jahrhundert Irland christianisierten. Bei Christianisierung denken wir schnell an die Brachialmethoden z.B. Karls des Großen und seiner Nachfolger. Ganz im Gegensatz dazu hat sich jedoch in Irland das Christentum auf friedlichem Weg durchgesetzt. Es wurde weniger als Gegensatz zur bestehenden Naturreligion empfunden, sondern als neuer Aspekt und Ergänzung. An wenigen Orten ist das so deutlich sichtbar wie in Glencolmcille. Die Klostergemeinschaft von St. Columbcille installierte hier einen Pilgerweg, der sowohl frühchristliche als auch jungsteinzeitliche Heiligtümer umfaßt: die Klosterkapelle, einen heilkräftigen Feldstein, eine heilige Quelle, steinzeitliche Cairns, stehende Steine mit den typischen keltischen Mustern usw. Noch heute am St. Colmcille's Tag, immer am 9. Juni, wird der Pilgerweg genauso begangen wie vor 1500 Jahren. Der letzte in der Kette der Überlieferung, der die Rituale und Geschichten noch bis ins letzte Detail kennt, ist der alte Bauer Jimmy Carr, der jedes Jahr Pilger aus aller Welt durch die "Turas", wie die Stationen des Pilgerwegs genannt werden, führt. Wir treffen Jim an der Klosterruine von St. Colmcille. Er erklärt uns, wie wichtig es ihm ist, daß der Pilgerweg nicht nur für Christen, sondern für Menschen aller Religionen und Glaubensrichtungen offen ist. St. Columbcille habe dieses Land gesegnet, und sein Segen wirke für alle Menschen, selbst wenn sie nicht daran glauben. Jim begleitet uns einen großen Teil des Tages. Er schreitet die Turas mit uns ab, und wir folgen ihm bei einigen der traditionellen Rituale. Im Lauf der Jahre hat er uns viele merkwürdige Erlebnisse im Zusammenhang mit dem Pilgerweg erzählt. Bei jeder Reise hoffen wir, daß der alte Jimmy für den nicht gerade bequemen Weg noch fit genug ist.

Der Zusammenklang der Zauberplätze aus mehreren Jahrtausenden auf so kleinem Raum wie in dem engen Tal von Glencolmcille hinterläßt an diesem Tag eine seltsame Stimmung. Die Erzählungen von Jim Carr haben die Augen für die Anderswelt geöffnet. Wir sind tief in den Kosmos von Glencolmcille eingedrungen. Das Konzert des Masterfiddlers James Byrne am Abend wird diesen Eindruck noch verstärken. James, ein Neffe von Jim Carr, der auch in Glencolmcille wohnt, ist der anerkannt beste Fiddler in Donegal. Er gehört zu der letzten Generation, die noch von den großen alten Fiddle-Meistern gelernt hat, die ihr Leben lang nicht aus Donegal heraus kamen, sondern abends am Feuer oder in der Bar stundenlang ihre Melodien gespielt und dazu seltsame Geschichten erzählt haben. Damit steht er in der uralten Tradition der Barden, die ihre Melodien von Generation zu Generation weitergaben. Es gibt keinen Weg, diese karge, unspektakuläre Musik in Worte zu fassen. Man kann nur sagen, daß sie direkt ins Herz eindringt und schon manchen hoffnungslos süchtig gemacht hat. Es ist eine Strafe, daß wir sie nur einmal im Jahr "live" zu hören bekommen.

6. Tag - Die Cuil Irra

Am nächsten Tag müssen wir Glencolmcille leider wieder verlassen, aber es wartet eine andere faszinierende Region im Westen Irlands auf uns: die "Cuil Irra", das Land um die Stadt Sligo. Wir fahren eine sehr schöne Strecke die Küste entlang. Die erste Anlage, die wir heute besuchen, liegt einige Kilometer vor Sligo, der Tempel Creevykeel. Die Architektur, die wir aus Aghanaglack und Prince Connell's Grave schon kennnen, finden wir hier in mächtigem Maßstab wieder. Creevykeel hat eine bewegte Geschichte. Im Mittelalter wurden die großen Kammern sogar als Wohnräume benutzt. In der Eisenzeit wurde in dem großen Hof eine Erzschmelze betrieben. Auch hier ist die gesamte Überwölbung der Kammern abgetragen, und die Decksteine sind fast alle verschwunden. Obwohl Hof und Kammern noch recht gut erhalten sind, hat die Anlage von ihrer energetischen Wirkung einiges eingebüßt. Der fast runde Hof strahlt jedoch eine sehr schöne Stimmung aus. Wir bleiben hier allerdings nicht allzu lange, denn der Platz liegt direkt an der Straße und wird stark von Besuchern frequentiert.

Der nächste Abschnitt dieses Tages und auch der folgende Tag stehen wieder im Zeichen der Newgrange-Kultur, die in Sligo den westlichsten Punkt ihrer Ausdehnung erreicht hat. Die Cuil Irra, im Westen vom Atlantik, im Osten von hohen Tafelbergen begrenzt, muß für den dort siedelnden Stamm von Alt-Europäern ein Land von besonderer Bedeutung gewesen sein. Seit vielen Jahren untersucht ein schwedisches Archäologenteam die vielfältigen Siedlungsspuren und Tempel. Im Zentrum der Ausgrabungen steht die Nekropole Carrowmore, eine Ansammlung von weit mehr als hundert kleinen und größeren Cairns am Fuß des Knocknarea. Der Knocknarea ist der zentrale Heilige Berg der Cuil Irra. Seine gleichmäßige, abgerundete Silhouette prägt das Landschaftsbild wie kein anderer Berg in der Umgebung. Wie ein großer, schlafender Riese liegt er als schützender Wall zwischen der Stadt Sligo und dem offenen Meer. Oben auf seinem Gipfelplateau liegt von allen Richtungen deutlich erkennbar ein Cairn von gewaltiger Größe, "Queen Maeve's Bed". Die keltische Göttin und mythische Königin Maeve ist das Pendant zur Göttin Macha, deren Stammsitz Navan Fort wir vor drei Tagen besucht haben.

Nachdem wir uns in Sligo für ein Picknick eingedeckt haben, besteigen wir den Knocknarea. Obwohl der Berg recht steil ist, empfinden viele die Wanderung nicht als beschwerlich. Die Kraft, die der Berge ausstrahlt, verleiht den Schritten Flügel. Wir haben schon erlebt, daß sich der Knocknarea in Wolken hüllt, dann fühlt man sich oben wie auf einem fremden Stern. Meist ist die Sicht jedoch klar. Wir schauen in ein sanft hügeliges Land, das von allen Seiten von Berg- oder Hügelketten eingefaßt ist und rundherum beschützt erscheint. Am prominentesten wirken die Bricklieve Mountains, die im fernen Dunst im Südosten erkennbar sind. Dort werden wir am nächsten Tag sein. Das Land zu unseren Füßen wirkt wie ein Universum für sich. Feng-Shui-Landschaftsinterpreten hätten hier ihre helle Freude: Die Symmetrie der verschiedenartig geformten Bergketten, die fließenden Formen der Hügel in den Ebenen, die geschwungene Küstenlinie der Sligo-Bay wirken wie ein von spielenden Göttern geschaffenes Idealbild einer energetisch vitalen Landschaft. Der Berg, auf dem die Götter dabei gesessen haben, muß offensichtlich der Knocknarea gewesen sein, denn hier scheinen die unsichtbaren Fäden, die über dem Land liegen, zu einem mächtigen Zentrum zusammenzulaufen.

Nachdem wir den Ausblick lange genug genießen konnten, gehen wir ein Stück abseits des gewöhnlichen Pfades in die Heide hinein. Dort lernen wir das eigentliche Geheimnis des Knocknarea kennen: Das ursprüngliche Naturheiligtum des Ortes muß ein eigenartiger Karstbruch gewesen sein, der wie ein umgestülpter Kegel in das Innere des Berges hineinführt. Der Blick über den Karstbruch hinweg auf den Cairn erklärt mehr als viele Worte: Eine Negativ- und eine Positivform, der Naturtempel und der von Menschen geschaffene Bau, Yin und Yang schwingen hier zusammen in vollkommener Harmonie. Wir steigen hinunter in den Mutterschoß und setzen uns in das weiche Moos. Hier könnte man stundenlang sitzen und in den Himmel schauen, ohne zu merken, wie die Zeit vergeht. Man sollte nur vorsichtig sein und nicht in einen Zeitschlitz fallen, wie es in irischen Märchen öfter beschrieben ist: Wenn der Wanderer vom Berg wieder herabsteigt, ist die Welt unten schon 1000 Jahre älter geworden.

7. Tag - Carrowkeel

Am sechsten Tag fahren wir in einem großen Bogen in Richtung Süden bis nach Galway, der alten Hafenstadt an der Westküste Irlands, vor der die berühmten Aran-Inseln liegen. Die Route führt an den Bricklieve Mountains vorbei, dem Höhenzug, der die Cuil Irra nach Südwesten hin begrenzt. Die Anfahrt mit den Bus ist immer ein wenig abenteuerlich, für solche Strecken wäre eigentlich ein Jeep angemessen. Die schroff abfallenden, felsigen oder mit Heidekraut überwucherten Höhenzüge vermitteln den Eindruck, als seien wir irgendwo in Amerika oder Kanada am Rande der Rocky Mountains. Die Bricklieve Mountains bestehen aus mehreren langgestreckten, durch schmale Karstbrüche voneinander getrennten Höhenrücken, die wie lange Finger in das Land hineinzeigen. Jeweils auf den höchsten Punkten haben unsere frühen Vorfahren Cairns erbaut. Wir steigen auf den Bergrücken Carrowkeel, auf dem sich die größte Anzahl Cairns befindet. Manche sind durch brachiale Ausgrabungsmethoden aus den 20er Jahren zerstört. Drei von ihnen sind jedoch begehbar. Hier werden wir für das Touristik-Erlebnis von Newgrange entschädigt: Die dunklen Kammern werden nur selten von Menschen besucht und können deshalb ihre eigene, dichte Atmosphäre ungestört erhalten. Sich der Schwingung einer solchen Kammer für längere Zeit auszusetzen, ist ein starkes Erlebnis. Dabei ist aber auch Aufmerksamkeit angebracht, denn schon mancher Besucher hat hier die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit überschritten.

Vom höchsten Rücken Carrowkeels genießen wir eine fantastische Sicht über die Cuil Irra, diesmal von der gegenüberliegenden Seite. Am nordwestlichen Horizont zeichnet sich die markante Höhenlinie des Knocknarea ab. Es ist offensichtlich, daß eine besondere Beziehung zwischen Carrowmore und dem Knocknarea besteht, denn die Passagen der meisten Cairns sind genau auf den Knocknarea ausgerichtet. Welche Art der Verbindung suchten die Menschen damals durch diese Ausrichtung aufzubauen? Ging es um eine telepathische Vermittlung von Gedanken oder Bewußtseinsfeldern über das ganze Land hinweg? Bezogen die Ahnentempel Kraft von der Muttergöttin auf dem zentralen Berg? Ist die Cuil Irra von unsichtbaren geomantischen Fäden eingesponnen, die zwischen den Cairns hin und her laufen?

Carrowmore weist noch eine weitere verblüffende Parallele zum Knocknarea auf: Im Hintergrund der Cairns liegt ein weiterer Karstbruch im Heidekraut versteckt. Er ist um einiges steiler und schmaler als derjenige auf dem Knocknarea und führt von seiner Sohle in eine Höhle unter der überhängenden Felswand hinab. Diese Höhle mag bereits Kultstätte gewesen sein, lange bevor die ersten Cairns gebaut wurden. Sie ist eine natürliche Kathedrale, ein geheimer Ort im Inneren der Erde.
Wir helfen uns gegenseitig, den Abhang hinunterzuschlittern, bis wir unten in der feuchten Dunkelheit der Höhle angekommen sind. Die großen Felsbrocken, die wie Altäre oder Opfersteine wirken, strahlen eine gewaltige, ruhige Kraft aus. Jeder Wille, alle Einbildungen des Ego werden von dieser Kraft zerrieben, sie fordert Hingabe an den Geist des Ortes. Hier unten verstummen die Gespräche. Manchmal entsteht in der stillen Menschengruppe ein Ton, mit dem wir in den Raum hineinfühlen. Wenn man anschließend wieder das Licht der Sonne erblickt, fühlt man sich wie neugeboren und genießt die freie Luft oben auf dem Berg.

In Carrowmore bleiben wir einige Stunden. Wir beschließen gemeinsam, was wir erwandern und erleben möchten. Am späteren Nachmittag setzen wir unsere Fahrt in Richtung Connemara fort und kommen abends in Galway an. Das Rockbarton Hotel ist so klein, daß mehr Gäste als unsere Reisegruppe gar nicht Platz haben. Wir werden dort von der Hausherrin Patsy und ihrer Schwester Ita betreut, als wären wir in die Familie aufgenommen. Patsy's Mann Terry ist ein absoluter Meisterkoch und weithin für seine Fischgerichte bekannt. Aber auch an die gebratenen Enten und an seine vegetarischen Köstlichkeiten erinnert man sich noch lange.

8. Tag - Galway

In Galway verbringen wir unseren freien Tag. In der Stadt gibt es viele nette Geschäfte und kleine Museen. Leider hat Galway den ursprünglichen Charm eines verschlafenen Fischernests, in dem sich die Straßenmusiker treffen, in den letzten zehn Jahren zunehmend verloren. Trotzdem hat die Stadt eine angenehme Atmosphäre.

Am Abend findet im Hotel einer der Höhepunkte der Reise statt: Unser Freund Liam O'Flynn, der weltweit verehrte Meister des irischen Dudelsacks, gibt ganz allein für uns ein privates Konzert in Patsy's guter Stube.

9. Tag - Die Aran-Inseln

Die Aran-Inseln vor der Galway Bay sind hauptsächlich für die Zopfmuster-Pullover berühmt. Kaum einer kennt jedoch die beeindruckenden Bauwerke der Frühgeschichte, die hier zu finden sind. Am Morgen setzen wir mit der Fähre über nach Inishmore, der größten Insel der Arans. Unser Ziel sind zwei der rätselhaften "Duns", die eindrucksvollen Steintempel Dun Aonghosa und Dun Duchathair. Ganz anders als alle Anlagen, die wir bis jetzt besucht haben, bestehen diese aus einem kreisrunden Wall aus Trockenmauerwerk, das aus kleinen, quaderförmigen Steinen gefügt ist. Der Platz in der Mitte ist frei. Dun Aonghosa liegt am höchsten Punkt der Insel, direkt am Rand einer 100 Meter hohen Klippe. Die halbkreisförmige Steinmauer stürzt an ihren Enden regelrecht senkrecht ins Meer. Die Anlage ist für frühzeitliche Verhältnisse sorgfältiger abgesichert, als Fort Knox in unseren Tagen. Drei große Steinwälle und ein dicht an dicht mit scharfen, senkrecht stehenden Steinen gespickter Bannstreifen trennen das Heiligtum von der Außenwelt ab. Eine militärische Nutzung der Anlage, was bis vor kurzem als Erklärung herhalten mußte, erscheint ausgeschlossen, wenn man das umliegende Land berücksichtigt: Die Aran Inseln liegen einige Seemeilen vom Festland entfernt in einer geologisch besonderen Zone, in der es keinen Mutterboden gibt, sondern ausschließlich Gestein, flache Platten aus grauem Kalksandstein und hin und wieder große Felsbrocken aus Granit. Die spärlichen Weiden und Gärten auf den Aran Inseln haben die Bewohner seit Generationen mühselig mit Hilfe von Sand, Seetang und Mist dem Stein abgerungen. Warum gerade diese karge Gegend für eine frühe Kultur so interessant war, ist bis heute ein Rätsel. Aus geomantischer Sicht ist Dun Aonghosa ein extremer Kraftort. In der Mitte des inneren Rings, direkt an der Klippe, befindet sich ein natürliches, flaches, fast quadratisches Felsplateau, das eine außerordentlich hochfrequente Schwingung aufweist. Das Halbrund der Mauer wirkt energetisch wie ein großer Parabolspiegel, der alle Energien in einem Punkt bündeln will. Ist dies ein Ort, um mit den Göttern zu sprechen?

Die ähnliche Anlage Dun Duchathair, etwas weiter östlich, liegt ebenfalls an einer beeindruckenden Klippe. Dieser Bereich der Insel ist noch einsamer, der Weg führt quer durch die graue Steinwüste. Der Name Dun Duchathair bedeutet "das schwarze Fort", weil es aus schwarz-grauen Steinen aufgeschichtet ist. Die Stimmung dort ist jedoch alles andere als schwarz und dunkel. Die Steinmauer umfaßt eine Senke aus weichem Gras, in deren Zentrum ein großer Stein liegt, der viel rosafarbenen Quartz enthält. Es scheint, als strahle dieser Stein ein sanftes Licht aus, das den ganzen Platz in einen unwirklichen Nebel hüllt. Wie sich Dun Aonghosa am höchsten Punkt der Insel zur Sonne hinwendet, scheint die Senke von Dun Duchathair die Mondstrahlen einfangen zu wollen. Hier verbringen wir eine stille Abendstunde und sammeln nach den anstrengenden Wanderungen wieder neue Kraft. Während wir mit der Fähre zurückfahren, geht die Sonne hinter den Aran-Inseln unter. Alle sind an diesem Tag hungrig und rechtschaffen müde und freuen sich auf Terry's köstliches Dinner.

10. Tag - Slieve na Cailiagh

Daß wir uns ab jetzt schon wieder auf dem Heimweg befinden, mag am Morgen noch niemand so recht glauben. Gestern waren wir noch an einem entrückten Ort, so weit entfernt von der "normalen" Welt. Jetzt fahren wir bereits wieder in Richtung Dublin. Dabei kommen wir direkt an der mythischen Mitte Irlands vorbei, dem transzendenten Land Mide. Seit der Keltenzeit besteht Irland aus vier Provinzen: Connaught, Ulster, Munster und Leinster, die Irland etwa wie ein Fensterkreuz in vier Bereiche teilen. Die mythische, nichtstoffliche fünfte Provinz liegt den alten Sagen zufolge genau am Schittpunkt, aus dem die vier Provinzen entspringen. Dieser Ort wird in der realen Welt durch den "Catstone" repräsentiert. Der Catstone ist ein Relikt der Eiszeit, ein großer Findling, der auf einer Wiese bei einem alten keltischen Siedlungsplatz steht. Mit viel Phantasie kann man eine sitzende Katze darin erkennen. Um den Catstone herum werden jährlich Mittsommerfeste abgehalten. Der Platz ist landschaftlich sehr schön, die Wiesen leuchten in satten Grüntönen. Am Catstone ist interessant zu beobachten, wie sehr die regelmäßige Nutzung eines Ortes für Festlichkeiten dessen Atmosphäre prägt. Obwohl weder der Stein noch der Ort selbst ein starkes energetisches Feld aufbauen, nimmt man ein deutlich erhöhtes Energiepotential wahr, das in erster Linie auf einen kulturellen Eintrag zurückzuführen ist.

Ziel des letzten Tages sind die Tempelberge von Loughcrew, der "Slieve na Cailiagh", was "Berg der Hexe" bedeutet. Neben Newgrange und der Cuil Irra ist dies das dritte große Zentrum der alteuropäischen Kultur, welche die Cairns mit den Ganggräbern geschaffen hat. Über drei Hügelkuppen verteilt liegt eine Vielzahl größerer und kleinerer Cairns, darunter der für seine geheimnisvollen Steinritzungen berühmte "Cairn T". Cairn T ist eine Art Pendant zu Newgrange, denn er ist auf die Tagundnachtgleiche ausgerichtet. Wenn die Sonne genau im Osten aufgeht, beleuchten die ersten Strahlen am Morgen ein Sonnensymbol am Rückstein der hintersten Kammer. Der Lichtkegel wird durch die Steine der Passage und die Steine am Eingang der Kammer zu einem scharf umrissenen Rechteck gefaßt. Durch jahrelange Beobachtungen hat ein Forscherteam herausgefunden, daß sich der Schatten zur Tagundnachtgleiche pro Jahr einen Strich auf einer in den Stein eingeritzten Skala oberhalb des Sonnensymbols nach oben bewegt. Mit Einführung eines "Schaltjahrs" kehrt der Schatten wieder zu dem zentralen Symbol zurück - ein eindrucksvoller Beweis für die astronomische Kompetenz unserer Vorfahren.
Die Anlage von Lough Crew umfaßt ein erstaunlich großes Gebiet. Wir wandern von Kuppe zu Kuppe durch ein sanftes Tal, in dem eine große Schafherde weidet. Im glasklaren irischen Licht am späteren Nachmittag erscheinen die runden Hügelformen wie der weiche Körper einer liegenden Frau. In all ihrer Lieblichkeit verbreitet diese Landschaft jedoch eine in sich gekehrte, fast wehmütige Stimmung, weckt die Sehnsucht, irgendwo auf dieser Welt vollständig zu Hause zu sein, so wie die Schafe auf diesen Wiesen.

Auf dem westlichsten Hügel liegt die letzte Tempelanlage unserer Reise. Das Land, in das wir von hier aus schauen, ist fast zu schön, um Wirklichkeit zu sein, es wirkt eher wie ein Gemälde in einem irischen Märchenbuch. Oder blickt unser inneres Auge in ein von träumenden Göttern geschaffenes Paradies, das tatsächlich mitten unter uns existiert, von der "normalen" Welt nur durch ein dünnes Häutchen getrennt, das unsere nüchterne, aufgeklärte Weltbetrachtung ängstlich über die andere Wirklichkeit spannt?
Am Fuß des großen Tempels lassen wir die Reise ausklingen. Zum Sonnenuntergang versammeln wir uns ein letztes Mal im Garten der Göttin und nehmen Abschied von der "Anderswelt", in die wir auf dieser Reise eingetaucht sind.

11. Tag - Heimreise

Irland kann süchtig machen. Wir kennen einige ReiseteilnehmerInnen, die seit der gemeinsamen Fahrt mit uns immer wieder auf die Grüne Insel zurückkehren, um weiter in den Zauber dieses alten Landes einzudringen.