Tempel der großen Göttin
Mysterious Britain - Ein Bericht über die Reise nach Südengland
1. Tag - Anreise
Die Englandreise ist vor allem eine Reise in eine andere Dimension der Zeit. Nachdem wir den Flughafen von London und den Lärm der Großstadt hinter uns gelassen haben, verlassen wir das hektische Alltagsgetriebe. Trotzdem sind wir mit der Gegenwart verbunden, denn wir gehen zurück zu den Wurzeln unserer Kultur.
Die Reise beginnt in der Grafschaft Somerset, bekannt durch Orte wie Bath, Wells und Glastonbury. Die milden Höhenzüge, die das Flachland in westlicher Richtung zum Atlantik hin durchziehen, waren seit dem Mesolithikum bevorzugte Siedlungsgebiete. Dank weitgehender Abwesenheit von Industrie und industrieller Landwirtschaft als Kulturland praktisch unzerstört, atmet das Land noch im selben Rhythmus wie vor 8000 Jahren und strahlt seine jahrtausendalte Geschichte aus allen Poren aus.
Im folgenden Reisebericht ist der typischen Ablauf einer Reise ins "Mysterious Britain" geschildert. Die Reise 1999 wird in großen Zügen ähnlich aufgebaut sein.
2. Tag - Somerset
Der erste Tag in England ist vielschichtig. Alle Aspekte der Reise werden wie in einem bunten Fächer einmal aufgeblättert. In den nächsten Tagen wird ausreichend Zeit sein, einzelne Themen bis in die Tiefe zu verfolgen. Je nach Interesse der Reisegesellschaft bilden sich dabei in jedem Jahr neue Schwerpunkte.
Der Tag beginnt mit dem Besuch der Kathedrale von Wells, einer der drei schönsten gotischen Kirchen Englands. Sie bildet das Eintrittstor für unsere Zeitreise ins "Mysterious Britain": Während wir durch den Kreuzgang in den Garten der Abtei gehen, entfernen wir uns wie von selbst weit von der alltäglichen Gegenwart und treten in den Kraftstrom der englischen Heiligtümer ein.
Im Garten begegnen wir einem ersten geomantischen Phänomen: Hinter der Mauer des Kirchgartens liegen die St.-Andrews-Quellen, die der Stadt Wells ("well" = Brunnen bzw. Quelle) ihren Namen gegeben haben. Eine kräftige Wasserader scheint der gesamten Anlage mit dem mächtigen Kirchenbau Richtung und Energie zu verleihen. Wir reißen Fragen an: Wie nehmen wir Energie wahr? Welche Pflege muß ein Ort erfahren, daß er über Jahrhunderte, gar Jahrtausende als segenspendend erfahren werden kann? Bedeutet Geomantie Manipulation einer gegebenen Ordnung? Was ist überhaupt Geomantie, Energie, Kraft - welche Begriffe verwenden wir, um unsere Wahrnehmung zu beschreiben?
Nach dem Rundgang durch die Kathedrale, der in dem einzigartigen Kapitelsaal endet, ist Zeit für die selbständige Erkundung des Gebäudes mit seinen bemerkenswerten Kraftpunkten. Indem wir uns durch die Bischofsresidenz führen lassen, rundet sich das Bild von einer Stadt, die noch immer von der Kraft des Wassers und der perfekten geomantischen Abstimmung ihrer wichtigen Bauwerke und Anlagen lebt.
Am frühen Nachmittag geht die Zeitreise aus der mittelalterlichen Atmosphäre der Kathedrale weit zurück in die Jungsteinzeit, zu den Anfängen der Seßhaftigkeit. Zu Beginn der Reise möchten wir mehr über die Lebensumstände unserer europäischen Ahnen erfahren, von denen die staunenswerten Bauwerke stammen, die das Ziel unserer Studienreise sind. Im Moor nahe bei Wells liegen die ältesten "Straßen" der Menschheit unter einer dicken Torfschicht begraben. Wir besuchen ein kleines Museum, das Modelle dieser (Holz-)Wege und ein liebevoll aufgebautes Modell eines eisenzeitlichen Dorfes zeigt. Unweit des Museums verläuft ein Pfad direkt oberhalb einer dieser prähistorischen Wege, der uns durch einen wunderbaren Auenwald führt. Die Flora dieses Waldstücks ist nach prähistorischen Funden rekonstruiert, und so sehen wir am Abend des Tages ein plastisches Bild von der Umwelt der Clans und Stämme vor uns, mit deren großer geomantischer Kompetenz wir uns weiter befassen werden.
Aus der wasserdurchzogenen Tiefebene, den Somerset Levels, ragen immer wieder kegelförmige Hügel empor, Kreideblöcke, die wie hohe Inseln aus dem Flachland aufsteigen. Der größte und prominenteste ist der Glastonbury Tor, die mythische "Insel von Avalon". Einige Kilometer weiter südwestlich befindet sich ein etwas kleinerer, aber ähnlich anmutender Kultberg, der Burrow Mump. In seiner künstlich angelegten Form begegnen wir zum ersten Mal dem wichtigsten Symbol der Muttergöttin, dem Auge.
Wir sprechen auch erstmals das Phänomen der Ley-Lines an, das gerade in Südengland eine besondere Ausprägung erfährt. Dabei handelt es sich um Visierlinien, die oft Dutzende von Kilometern schnurgerade über die Landschaft laufen und auf denen meist mehrere markante Kultstätten liegen. Auch der Burrow Mump liegt auf einer solchen Ley-Linie, die ihn z.B. mit dem Glastonbury Tor verbindet. Im Verlauf unserer Reise werden wir mehreren Ley-Linien begegnen und spüren, wie dicht die Landschaftsteile Südenglands auf diese Weise miteinander energetisch verwoben sind.
Die Reise folgt einer gewissen Choreographie, in der wir uns von Ort zu Ort auf ein höheres Energieniveau begeben. Der Burrow Mump ist unser Start- und Eichpunkt. Der Kraftort mit der höchsten Intensität wird der Schlußpunkt der Reise sein.
3. Tag - Die Insel von Avalon
Schon bei den Fahrten am ersten Tag war immer wieder die Kulisse des Glastonbury Tor (Tor = Berg) in der Ferne zu sehen gewesen. Man spürt, wie dieser markante, kegelförmige Hügel das umliegende Land prägt. Nun nähern wir uns dem Tor langsam an. Auf den Höhenzügen, die das flachere Land um den Tor nach Süden hin begrenzen, liegt Cadbury Castle, der Legende nach das Camelot König Arthurs. Tatsache ist, daß man hier Siedlungsspuren von der Jugsteinzeit bis ins Mittelalter gefunden hat. Erst als der Sumpf in den umliegenden Tälern austrocknete und fruchtbares Ackerland bot, wurde das mittelalterliche Städtchen verlassen. Heute sieht man noch die eindrucksvolle Wallanlage, die den Bereich entlang der Bergkrone einfaßt. Wir gehen auf den Wällen in Richtung der Sonne um die Anlage herum. Vom innersten Wall aus haben wir eine herrliche Aussicht auf die benachbarten Hügel. Mit geschultem Blick kann man überall auf den Höhen steinzeitliche Siedlungsspuren und Erdhügel erkennen. Die Frage, warum eben diese Hügelformationen als bevorzugter Siedlungs- und Kultplatz gewählt wurden, läßt sich hier mit klassischen Feng-Shui-Maßstäben ebenso bilderbuchartig beantworten, wie wir einige Grundlagen der Geomantie in idealer Weise vor uns demonstriert sehen.
Mit Cadbury Castle begeben wir uns in ein weiteres Ley-System. Die Wallanlage von Maiden Castle, der Cerne Abbas Giant, Plätze die wir morgen besuchen werden, Cadbury Castle und der Steinkreis von Stanton Drew liegen exakt auf einer Linie. Die Ley-Lines sind heute ein von vielen Theorien überladenes Phänomen. Vielleicht entwickelt sich auf der Reise ein intuitiver Zugang zu solchen Zusammenhängen, indem wir die verschiedenen Stationen der Leys besuchen und Fühlung mit der jeweiligen Energie des Ortes aufnehmen. Der innere Zusammenhang der Plätze wird auf diese Weise konkret erfahrbar.
Dies berührt das wichtigste Thema der Reise, die Sensibilisierung für die energetischen Eigenschaften eines Ortes und die persönliche Wahrnehmungsfähigkeit dafür. Jeder geht dabei einen eigenen Weg und erfährt Hilfestellung dort, wo sie nötig und erwünscht ist. Für manche Menschen ist die Arbeit mit der Wünschelrute der Schlüssel zu ihrer geomantischen Wahrnehmungsfähigkeit. Wir haben genügend einfache Winkelruten dabei, so daß alle ReiseteilnehmerInnen sich mit dieser Technik auseinandersetzen können. Das Rutengehen ist wie ein Spiel, das für manche außerordentlich erhellend und aufschlußreich ist, für andere hingegen keinerlei Bedeutung hat. Auf Cadbury haben wir Gelegenheit, Fühlung mit einer für Ley-Systeme spezifischen Energie aufzunehmen und die Wünschelruten an einem einfach und gut zu mutenden Ort auszuprobieren. Bisher waren immmer zwei, drei professionelle RutengängerInnen in unseren Reisegruppen dabei, die dann ihre eigene Arbeit vertiefen und den anderen Teilnehmern wertvolle Anregungen geben. Dies alles geschieht völlig feiwillig und undogmatisch. Wem die Rute nichts sagt, läßt sie eben beiseite.
In Glastonbury machen wir Mittagspause. Es gibt ein wenig Zeit, um das quirlige Städtchen zu erkunden. Zwischen den vielen Esoterik-Shops befinden sich ein paar hervorragende Buchläden, die einen Besuch auf jeden Fall wert sind. Natürlich gibt es auch Fish-&-Chips-Restaurants, Cafés und diverse Läden, um Proviant für die nächsten zwei Tage einzukaufen. Dann lassen wir den Trubel der Stadt hinter uns und gehen in die weitläufige Parkanlage der alten Abtei. Glastonbury-Abbey war im Mittelalter die größte und mächtigste Abtei Englands. Einen Teil seines Ruhms bezog Glastonbury aus der Behauptung eines Mönchs, eines gewissen Geoffrey von Monmouth, die Gebeine von König Arthur und seiner Frau Jenniffer seien hier gefunden und neu bestattet worden. Nach Cromwells Tirade verfiel die Kirche zur Ruine. Das zugrundeliegende energetische Geflecht scheint jedoch die Zeiten überdauert zu haben und ist ausgeprägt spürbar. Wir muten den Kraftstrom, über dem die Längsachse der Kirche gebaut wurde, und einen Kreuzungspunkt vor dem Hochaltar, wo der Priester stand.
Hinter der Abbot's Kitchen, der ehemaligen Großküche der Abtei, liegt unbeachtet der alte Omphalos der Stadt, ein magischer Stein, der bei der Konstruktion der städtischen Struktur im Zentrum vergraben wurde. Heute liegt er nicht mehr am richtigen Ort, ist aber durch glücklichen Zufall erhalten. Er strahlt eine starke Spannung aus, so daß uns eine Angestellte des Parks schon vor diesem angeblich teuflischen Stein gewarnt hat. Daß er bereits im Neolithikum als Kultstein verwendet wurde, ist an den typischen runden Einkerbungen ersichtlich. Die Stadt Glastonbury ist über dem geomantischen Muster der Fischblase errichtet worden. Markante Punkte, wie die Abtei, die Abbot's Kitchen, der Fischteich der Abtei, mehrere Brunnen und das Marktkreuz markieren die Konstruktionspunkte.
Bevor wir am Abend den berühmten Tor ersteigen, machen wir eine Ruhepause im Chalice-Well-Garten, an der heiligen Quelle am Fuß des Berges. Die Gärten um die Quelle, in der angeblich der Kelch des letzten Abendmahles gefunden wurde, werden liebevoll gepflegt und sind ein einladender Ort der Ruhe und Regeneration. Von dort aus führt ein Fußweg auf den Tor. Vom Gipfel, auf dem der Turm einer Kirchenruine steht, blickt man in eine im Wortsinnne "sagenhafte" Landschaft. Nicht nur, daß wir auf der "Insel von Avalon" stehen - schon seit den ersten Anfängen unserer Kultur wurde dieses Land geformt, gepflegt und geheiligt.
Auf dem Gipfel des Tor, der den Mittelpunkt eines frühzeitlichen Labyrinths bildet, scheint die Zeit langsamer zu vergehen als in der gewohnten Welt, die Wahrnehmung ist feiner, die Seele bekommt Flügel und fliegt übers Land oder steigt tief in die Erde hinab. Solche Plätze mag sich ein früher Schamane gesucht haben, um mit den Geistern zu sprechen. Das bewußtseinserweiternde Potential von Kraftorten dieser Art wird uns noch weiter beschäftigen.
4. Tag - Die großen Erdwerke
Der dritte Tag ist drei großen Erdwerken gewidmet, die zum Teil in die Ley-Systeme eingebunden sind, mit denen wir uns bereits beschäftigt haben. Das erste ist der Riese von Cerne Abbas. Auf einer Hügelnase an den Abhängen eines zauberhaften Tals ist die 100 Meter hohe Kreidefigur einer menschlich-androgynen Gestalt in den Hang geritzt, die in der einen Hand eine Art Keule hält, die jedoch mehr an eine Schlange errinert. Über die Datierung herrscht Verwirrung, sicher scheint nur zu sein, daß die Zeichnung mindestens aus der Eisenzeit stammt und somit mehr als 2000 Jahre alt ist.
Wer als Tourist den Cerne Abbas Giant besichtigt, sieht nur die eindrucksvolle Figur und ahnt nicht, daß sich auf dem Bergrücken die Reste einer ausgedehnten prähistorischen Tempelanlage befinden. Da diese kaum mehr erkennbar sind, findet man sie in keinem Führer dokumentiert. Auf dem Weg den Hügel hinauf kommen wir durch einen bemerkenswerten Baumbestand. Mächtige Buchen wachsen teilweise senkrecht in die Höhe, dann biegen sie sich um, wachsen einige Meter parallel zum Boden. Manche Bäume strecken alle Äste in eine Richtung, die dazu teilweise durch einander hindurch wachsen müssen, andere wirken verkrüppelt und sind von Efeu überwuchert. Für so viele unterschiedliche Eigenheiten im Wuchs der Bäume auf so kleinem Raum können nicht allein Licht- oder Windeinwirkungen verantwortlich gemacht werden. Mit der Wünschelrute läßt sich leicht zeigen, was diese Pflanzen so massiv beeinflußt: Am Fuß des Hügels sind diverse Energien aktiv, der Berg strahlt, Wasseradern haben ihre Auswirkung etc., so daß sich ein komplexes und dynamisches Energiemuster mit kraß wechselnden, hohen Potentialen ergibt. Die Pflanzen sind genaue Indikatoren für die wirksamen Kräfte eines Ortes; sie werden immer wieder Gegenstand unserer geomantischen Studien sein.
Wir steigen den Hügel hinauf und beschäftigen uns mit der Frage, was einen Platz zum Heiligtum weden läßt. Der schönste Ort auf dem Giant Hill ist ein unscheinbarer Ringwall. Er strahlt eine fruchtbare, helle Energie aus, die es nicht nur leicht macht, eine Muttergottheit zu visualisieren. An dieser Stelle wachsen vielmehr auch die besten Brombeeren im ganzen Land, von denen sich manche ReisegefährtInnen kaum mehr losreißen können.
Wir fahren weiter nach Süden. In der Nähe des Städtchens Dorcester liegt das größte Erdwerk Englands, Maiden Castle. Drei gigantische, bis zu 20 Meter hohe Wälle umgeben eine Anhöhe, deren Plateau über 1000 Meter in der Längsrichtung mißt. Auf den Informationstafeln unten am Parkplatz versuchen uns Archäologen der 80er Jahre zu erklären, daß Maiden Castle eine Verteidigungsanlage war. Angesichts der selbst für ein keltisches Oppidum gigantischen Dimensionen und der ausgeprägten Eingangslabyrinthe, die genau west-östlich ausgerichtet sind, reicht diese Theorie allein jedoch nicht aus, um den Sinn des Ortes zu deuten. Die Anlage war gewiß ein mächtiges politisches Zentrum, das zur Eisenzeit auch zunehmend befestigt wurde. Die Tatsache jedoch, daß die Zeiten überdauernd ein neolithischer Ahnentempel in Form eines Long Barrows offensichtliche kultische Verehrung genoß, weist dem Ort eine wichtige spirituelle Bedeutung zu.
Maiden Castle ist zu groß, als daß man sich auch in tagelangen Studien ein Gesamtbild der geomantischen Zusammenhänge erarbeiten könnte. So befassen wir uns vor allem mit dem Phänomen der Ley-Energie und untersuchen die seltsame Schichtstruktur, welche die Kraft beispielsweise zwischen den Wällen aufweist.
Um den gewaltigen Eindruck, den Maiden Castle auf viele BesucherInnen macht, auszugleichen, besuchen wir als letzte Station einen der wohl friedlichsten Plätze in Südengland: die Badbury Rings. Wie in Maiden Castle handelt es sich ebenfalls um einen durch drei Wälle eingefaßten Tempel- und Siedlungsbezirk, der durch ein vorgelagertes Labyrinth geschützt wird. In Badbury sind die Wälle jedoch nicht der Hügellinie angepaßt, sondern kreisrund angelegt - vielleicht einer der Gründe, weshalb die Anlage in ihrem besonders ruhigen Gleichmaß schwingt. Der Eindruck, daß in Badbury Energien der Landschaft aufgenommen werden, sich transformieren und auf einer anderen Ebene wieder in das Land hineinströmen, ist stark und kann die Ahnung vertiefen, welche Aufgabe die Tempel der Großen Göttin tatsächlich erfüllen.
5. Tag - Das Weiße Pferd von Uffington
Am nächsten Tag steht uns ein etwas längerer Weg bevor. Wir fahren in Richtung Nordosten zum Uffington White Horse. Das Weiße Pferd ist eine der berühmtesten Kreidezeichnungen in England. Anders als der Cerne Abbas Giant, der lediglich als Scharrbild ausgeführt ist, wurde das Weiße Pferd regelrecht in die Erde gebaut. Es wird in die frühe Bronzezeit datiert, könnte jedoch noch älter sein. Schon von fern können wir die eindrucksvolle Hügelformation erkennen, die als Kulisse für das Weiße Pferd dient: ein schmaler Karstbruch, wie man ihn häufig am Rand der sogenannten Downs, der Kreidehügelketten, findet. Der Volksmund hat diesem Bruch die Bezeichnung "Manger" gegeben, was "Krippe" bedeutet, da die schmale Talmulde an eine Futterkrippe erinnert. Hoch über der Stirnseite des Mangers befindet sich das Weiße Pferd. Wirklich gut im Ganzen erkennbar ist es nur aus der Luft.
Die gesamte Anlage zieht sich über mehrere geologische Formationen hinweg. Einige Abhänge sind sehr steil und wirken vollkommen gleichmäßig gestaltet, als sei der ganze Berg mit dem Messer herausgeschnitzt. Tatsächlich wurden die Hügelflanken manuell nachbearbeitet, um diese perfekte Form zu erhalten. Der Eindruck der Hügelformation ist gewaltig, etwas scheint die Perspektive zu verzerren, so daß die perfekt gerundeten Hänge und scharf geschnittenen Hügelkanten wie eine gigantische Mondlandschaft wirken. Unten im Manger ist eine dichte Atmosphäre zu spüren, die immer dynamischer wird, je schmaler die Spitze zuläuft. Fast kann man die Energieverbindung bis zum Auge des Weißen Pferdes hoch über uns mit bloßem Auge erkennen. Das Auge der Göttin ist eines der wichtigsten Symbole im Alten Europa. Es steht gleichzeitig für die Gebärmutter der Göttin und war für die Erbauer dieser Tempel tatsächlich die Göttin selbst. In Uffington bewegen wir uns gewissermaßen mitten in ihrem Schoß. Diese Art der Wahrnehmung, die keine Trennung kennt, ist uns Abendländern gänzlich fremd geworden, wir können sie nur intellektuell nachvollziehen und an Plätzen wie diesen vielleicht einen Hauch davon erahnen.
Wir haben uns jahrelang gefragt, woher Anlagen wie die von Uffington ihre gewaltigen Energien beziehen. Von den irischen Heiligtümern, die vielfach noch in der ursprünglichen Landschaft stehen, haben wir gelernt, daß es praktisch zu jedem von Menschen erbauten Tempel einen zugehörigen Naturtempel gibt, sei es eine Höhle, eine Quelle oder ein Grabenbruch oder ein ähnliches Merkmal. Auf der Suche nach dem Naturtempel von Uffington fanden wir schließlich ein verwildertes Wäldchen mit vielen kleinen Quellen, die hier direkt am Fuß der Downs entspringen. Diese unzugängliche, verzauberte Au wird selten von Menschen betreten. Sie ist ein Kraftort, an den man in Gedanken noch oft zurückkehren wird.
Vermutlich war dieser Naturplatz der ursprüngliche Ort der Anbetung, an dem die Kraft der Großen Göttin unmittelbar offenbar wird. Erst später haben die siedelnden Stämme diese Energie kanalisiert und eine riesige Kraftmaschine um das Weiße Pferd herum gebaut. Warum war das notwendig? Waren diese Quellen als Tempelplatz nicht ausreichend? Warum wurde versucht, den Drachen zu bändigen?
Nachdem einige Höhenmeter überwunden sind und wir uns mit den wesentlichen Elementen der gesamten Anlage vertraut gemacht haben, wandern wir über den "Ridgeway" zu einem unserer Lieblingsplätze, dem Steintempel Wayland's Smithy. Der Ridgeway ist einer der ältesten und längsten Pilgerpfade der Menschheit. Er läuft über einer geologischen Verwerfung an der Hügelkante (englisch "ridge") der Downs quer durch Südengland und verbindet einige der wichtigsten Heiligtümer der Insel, z.B. Avebury und Uffington. Der Weg scheint über eine tonisierende Kraft zu verfügen, die einem das Gefühl gibt, man könnte meilenweit laufen, ohne müde zu werden.
Wayland's Smithy ist eines der beiden "Langgräber", die wir auf unserer Reise besuchen. "Grab" ist ein irreführender Ausdruck, dementsprechend der Kölner Dom als Grab bezeichnet werden müßte, nur weil dort ein paar Bischöfe beigesetzt wurden. Wir sind dazu übergegangen, solche Plätze als "Ahnentempel" zu bezeichnen. Wie in allen Naturreligionen haben die Ahnen auch im Alten Europa eine zentrale Rolle gespielt. Solange es keine Schrift gab, mußte das lebenswichtige Wissen über die Zusammenhänge von Himmel und Erde von Generation zu Generation sicher und fehlerfrei weitergegeben werden, besonders zu einer Zeit, in der die durchschnittliche Lebenserwartung kaum 35 Jahre betrug. Hinter dem Ahnenkult steht die Suche nach Verbindlichkeit und Sicherheit, daß das Leben weitergeht, wenn die Ahnen aus der anderen Wirklichkeit für Hilfe und Kontinuität sorgen. Mit Hilfe der geomantischen Anlagen wurde die Lebensenergie der Menschen auf diese Beziehung zur geistigen Welt fokussiert und schließlich der ganzen Landschaft zur Verfügung gestellt.
Wayland's Smithy ist ein besonders perfekt balanciertes Beispiel eines solchen spirituellen Mittelpunkts. Der Platz schwingt wie vor 6000 Jahren in einem betörenden Gleichgewicht. Man könnte hier stundenlang Zeit verbringen, unter den Buchen im Gras liegen, meditieren oder die "Chakren" des langen Erdhügels, der sich an die Steinkammer anschließt, studieren.
6. Tag - Salisbury
Am nächsten Tag brechen wir nach Salisbury auf und verlassen Somerset und die Insel von Avalon. Es beginnt ein neuer Bogen, in dem wir uns den Heiligtümern in den Salisbury Plains annähern.
Im Gegensatz zum verschlafenen Wells ist Salisbury eine kleine Metropole. Die Stadt wirkt sehr lebendig und dennoch gemütlich mit vielen kleinen Läden und Tearooms. Wir besuchen zuerst die Salisbury Cathedral, wohl einer der schönsten Kirchenbauten der Gotik überhaupt. In nur 40 Jahren erbaut, strahlt das architektonische Meisterwerk eine ungewöhnliche Geschlossenheit und Harmonie aus. Die Kathedrale steht auf dem einzigen Kiesbett, das es hier im ehedem sumpfigen Avon-Tal gibt. Außerdem ist sie genau in den sogenanten Salisbury-Ley eingefügt, der über fast 50 Kilometer von Süden nach Norden über das Land läuft und in Stonehenge mündet. Am folgenden Tag werden wir uns intensiv mit diesem Ley-System auseinandersetzen.
Am Nachmittag statten wir den Figsbury-Rings im Osten von Salisbury einen Studienbesuch ab. Obwohl nicht direkt in den großen Ley eingebunden, steht diese seltsame Ringanlage unmittelbar mit ihm in Verbindung. Nach jahrelanger Feldforschung glauben wir, den Zusammenhang der Orte wenigstens im Ansatz zu erahnen. Heute betrachten wir Figsbury als einen "Transformator", dessen wichtigste Aufgabe darin zu bestehen scheint, die Energie des Machtzentrums von Old Sarum, der frühesten Siedlung, aus der heute Salisbury geworden ist, zu steuern. Figsbury liegt auf einer Anhöhe und ist eine relativ kleine, kreisrunde Anlage. Die Wälle sind im Osten und Westen jeweils von einem Eingangsbereich unterbrochen. Vom westlichen Eingang blickt man direkt nach Old Sarum. Merkwürdig ist, daß innerhalb der Anlage nur zwei halbkreisförmige Gräben zu finden sind. Ansonsten liegt absolute Leere über der Fläche. Die Positiv-Form des Walls und die Negativ-Form des Grabens stellen als Gegensatzpaar eine besondere, geomantisch wirksame Resonanz her. Es lohnt sich, die komplexen Kräfteverhältnisse in den Eingängen, den Wallköpfen und im Inneren der Anlage mit den Ruten zu erforschen. Schon manche Radiästhesie-Profis gerieten hier ans Ende ihres Lateins. Einige Menschen erfahren Figsbury fast wie eine technische Anlage und fühlen sich nicht sehr eingeladen. In diesem Fall hilft ein Besuch der drei großen Eschen, die am Rand des Grabens stehen und einen ganz und gar stillen Ort markieren.
Der Abend ist für einen Lichtbildervortrag reserviert. George Wingfield, ein erfahrener Kornkreis- und UFO-Forscher, berichtet über die rätselhaften Erscheinungen, die sich in diesem Teil Englands besonders häufen, und stellt den vielen Fragen, die wir schon tagsüber gesammelt haben, manch weiteres seltsames Phänomen zur Seite.
7. Tag - Der Salisbury Ley
Dieser Tag ist der Erforschung eines einzigen Ley-Systems gewidmet. Wie in einem Lehrbuch der Geomantie sind die vier Hauptorte des Salisbury-Leys in gleichem Abstand zueinander aufgereiht: Frankenbury, Clearbury, Old Sarum und Stonehenge.
Noch vor dem Frühstück fahren wir an den Endpunkt des Leys: Stonehenge - am Abend werden wir dort auch den Tag beschließen. In den Morgenstunden in Stonehenge ist Raum für alle intellektuellen Fragen, die sich vor diesem Rätsel stellen. Wohl kaum ein Monument wurde so detailliert erforscht und mit Theorien überladen wie dieses weltberühmte Steinzeitdenkmal. Wir spüren den verschiedenen Qualitäten der Steine nach, untersuchen die Energie innerhalb und außerhalb der Steinkreise und schauen in das umliegende Land mit seinen vielen kleinen Mounds, Barrows und sonstigen Spuren einer vieltausendjährigen Zivilisation.
Nach dem Frühstück im Hotel brechen wir auf zum Frankenbury Camp, das südlich von Salisbury über dem Tal des River Avon liegt. Der Platz ist so gut wie unbekannt, eine relativ unscheinbare, stark von der Landwirtschaft lädierte Wallanlage, die von Bäumen und Gestrüpp überwuchert ist. Wir bahnen uns einen Weg zwischen alten Eichen, Haselnußbüschen, Farnen, Stechpalmen und Efeu hindurch. Mittlerweile haben wir den Blick für den Wuchs der Bäume geschult: Bizarr verwachsene Sträucher und Bäume berichten von den Kräften, die hier walten. In einem verwilderten Hain zeigen uns Haselnußsträucher die "Quelle" des Salisbury-Leys. An diesem natürlichen Tempelplatz haben wir Zeit, uns auf die geomantischen Qualitäten des Ortes einzulassen.
An der nächsten Station, dem Clearbury Ring, nehmen wir den Kraftstrom, der aus Frankenbury zu fließen scheint, wieder auf. Jahrelang haben wir uns gefragt, weshalb dieser Erdring nicht kreisrund, sondern an einer Seite scheinbar unmotiviert abgeflacht ist. Inzwischen haben wir gerade an dieser Stelle vor allem auch in der Zusammenarbeit mit anderen Rutengängern und Geomanten einige grundlegende Erfahrungen gesammelt, die unser Gefühl für die Qualität der Lebenskräfte der Erde sehr vertieft haben. Viele Menschen, die sich mit Clearbury verbinden, nehmen von diesem Ort die konkrete Empfindung mit, ein wichtiges Organ des Erdkörpers oder einen Akupunkturpunkt des Landschaftsmeridians besucht zu haben.
Von Clearbury aus visieren wir hinüber zum spitzen Turm der Kathedrale von Salisbury, der aus dem Tal in den meist unwirklich blauen Himmel hinaufsticht. Exakt dahinter erkennt man die Wälle von Old Sarum. Wir stehen genau in der Fluchtlinie des Leys.
Den Rest des Nachmittags verbringen wir in Old Sarum. Um diesen Punkt scheint sich der gesamte Salisbury-Ley zu drehen. Vermutlich war er in früherer Zeit nach außen hin viel bedeutender als das kleine Stonehenge, ein großer Siedlungsplatz, ein politisches Zentrum, unter dessen Einfluß der gesamte Landstrich der Salisbury-Plains stand. Die politische Bedeutung von Old Sarum zieht sich bis in die heutige Zeit: Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts hatte Old Sarum einen eigenen Sitz im Parlament, obwohl es sich lediglich um ein paar Häuser vor dem großen Erdwerk handelte. Mitten in Old Sarum hat sich Wilhelm der Eroberer eine Burg gebaut, von der nur der hohe Wall geblieben ist. Der Größenvergleich zwischen dem riesigen Old Sarum und der kleinen Normannenburg, die doch groß genug für ein Besatzerheer war, stellt wieder einmal die Theorie, die prähistorischen Wallanlagen seien Verteidigungsanlagen gewesen, in Frage. Auch für die Römer hatte Sarum offenbar eine hohe Bedeutung, denn sie führten mehrere ihrer gepflasterten Straßen zur Kreuzung vor dem Osteinang des mächtigen Ringwalls heran.
Wir haben Zeit, uns Gedanken über den Sinn des Ganzen zu machen, die mächtigen Buchen nach dem Geheimnis des Ortes zu befragen oder in der Krypta der alten Kathedrale, die bis zum 11. Jahrhundert in Old Sarum stand und deren Fundamente noch zu sehen sind, die Kraft eines vollkommen ausgewogenen Heilpunktes aufzunehmen.
Nach dem Abendessen erwartet uns Stonehenge noch einmal. Die Wärter führen uns wieder ins Innere des Steinkreises, der sonst für Besucher gesperrt ist und nur mit einer Sondererlaubnis betreten werden darf. Der Kreis dieses Tages schließt sich im Mondschatten der uralten Steine. Wir erleben eine verzauberte Stunde in vollständiger Stille.
8. Tag - Heilige Berge
Die Vielfalt des Salisbury-Ley-Tages findet einen wohltuenden Ausgleich am folgenden Tag. Zwei heilige Berge stehen auf dem Programm, und wir haben viel Zeit zur Verfügung, die eindrucksvollen Plätze in einem ruhigen Rhythmus mit allen Poren aufzunehmen.
Zuerst fahren wir Richtung Süden in die Grafschaft Dorset, in der Hambledon Hill liegt. Es ist der höchste Höhenrücken im Tal des Flüßchens Stour und somit das Zentrum eines gesamten Landstrichs. Von der Luft aus gesehen wirkt der Berg wie ein riesiges Kleeblatt, da sich vier lange Hügelnasen von einem Zentrum aus ins Land strecken. Im Mittelpunkt wurde vor einigen Jahren einer der ältesten "Friedhöfe" der Jungsteinzeit samt Priestersiedlung und Wirtschaftsanlagen gefunden: eine von Palisaden eingefaßte Wallanlage, in der die Toten unter freiem Himmel dem räuberischen Getier ausgesetzt wurden, bis nur noch das Skelett übrig war. Nur die wichtigsten Knochen wurden dann vom Totenacker in die Heiligtümer gebracht, um die Essenz der Ahnen dort zu manifestieren.
Die prominenteste Hügelnase von Hambledon Hill ist von mehreren Wällen umringt, die bis in die Eisenzeit ständig erhöht wurden und davon zeugen, daß das ursprüngliche Heiligtum zunehmend profanisiert wurde, bis die gesamte Hügelkuppe schließlich Sitz eines keltischen Oppidums geworden war. Trotz aller weltlichen Überwölbung strahlt der Berg weiterhin eine starke spirituelle Qualität aus, die nicht zuletzt durch einen neolithischen Langhügel dokumentiert wird, der zu allen Zeiten Respekt erfahren haben muß, denn bis zu einem frevelhaften Grabraub im vorigen Jahrhundert war das Erdwerk unbeschädigt geblieben.
Hambledon Hill ist ein Musterbeispiel dafür, wie ein natürliches Landschaftselement zur Quelle der Lebenskraft (oder des Chi) einer ganzen Region wird, wenn sich das menschliche Kulturstreben verstehend und achtsam mit den gegebenen Qualitäten verbindet.
Auf dem Weg zu Cley Hill machen wir eine kleine Teepause in dem malerischen Städtchen Shaftesbury, um uns für den kurzen, aber steilen Aufstieg zu stärken. Cley Hill erhebt sich wie eine große Pyramide aus dem sonst recht flachen Land. Aus der Luft gesehen ergibt Cley Hill das Bild eines Schmetterlings, der Berg ist gewissermaßen tailliert. Sein Gipfel wird von einem großen Tempelhügel gekrönt, der von der Energie der beiden Einbuchtungen der Ost- und der Westflanke erfüllt ist. Auch hier begegnen uns wieder bekannte geologische Formen, z.B. die Form des Mangers in Uffington, deren geomantische Funktion und Auswirkung wir hier nochmals exponiert untersuchen und erfühlen können.
Cley Hill scheint in eine so geheimnisvolle, ferne Atmopshäre gehüllt, daß der Berg nie ins Zentrum wissenschaftlichen Interesses gerückt ist. Einige wenige oberflächliche Untersuchungen förderten immerhin Belege zutage, daß Cley Hill offenbar seit neolithischer Zeit als Heiliger Berg, wohl als Sitz der Großen Mutter, verehrt worden ist. Dafür spricht auch der perfekt zum Zentrum "männlicher" Energie zurechtgeschnitzte, spornartige Ausläufer, der als "Little Cley Hill" dem großen Mutterkörper nach Nordosten hin anhängt und dessen die Gesamtanlage balancierende Funktion uns inzwischen aus vielen Orten der Kraft vertraut ist.
9. Tag - Erholung
Nach den intensiven Erfahrungen vor allem auch der beiden letzten Tage ist der freie Tag sehr willkommen, um sich auf die je eigene Weise zu entspannen, sei es durch eine Tour auf eigene Faust mit einem geliehenen Fahrrad oder Auto, durch ausgedehntes Shopping in Salisbury oder eine kleine Wanderung in das reizvolle Avon-Tal. Der freie Tag dient gleichzeitig als innere Vorbereitung für den kommenden Höhepunkt der Reise - Avebury.
10. Tag - Avebury
Avebury bildet den größten Komplex von Tempelanlagen in England. Auf engstem Raum finden sich hier zwei große Langgräber, der größte bekannte neolithische Steinkreis mit der Avenue, die größte Pyramide Europas Silbury Hill, die heilige Quelle Swallowhead Spring, einer der ältesten Siedlungsplätze der Jungsteinzeit - lauter Superlative. Dennoch flirrt über dem Heiligen Land eine so zarte, ursprüngliche Schwingung, daß man die gewaltigen Bauwerke fast als Nebensache in einer großartigen Landschaft einstufen möchte. Nirgendwo sonst scheint der Duft der Großen Göttin so weich und ausufernd über den Feldern und Wiesen zu schweben wie in dem uralten Kulturland um den Quellort des Flüßchens Kennet.
Avebury muß in frühgeschichtlicher Zeit so etwas wie ein "Vatikan" gewesen sein, allerdings einer weiblichen Qualität geweiht. Es ist ein universales Heiligtum, in dem all die vielfältigen Kräfte, die wir vorher auf den Stationen unserer Reise erlebt haben, zu einer Einheit verschmelzen. Niemand kann mehr sagen, welche Rituale oder Feste vor Tausenden von Jahren in Avebury gefeiert wurden. Die Vorstellung drängt sich jedoch auf, daß zu gewissen Zeiten die Menschen aus dem ganzen Land hierher gepilgert kamen, denn Avebury liegt direkt am Ridgeway, dem prähistorischen Pilgerpfad, den wir bereits in Uffington entlang gewandert sind.
Unsere Wanderung durch den großen Avebury-Komplex berührt die wesentlichen Kraftorte, von denen aus die Anlage als großer Plan wahrgenommen werden kann - das "Sanctuary", den Sonnentempel von West Kennet, Silbury Hill, den Steinkreis, die Avenue. Zentraler Punkt ist Silbury Hill, dessen innere Struktur das Auge der Göttin über die Jahrtausende hinweg manifestiert, während die äußere Form die Göttin als die große Gebärerin und Lebenserhalterin preist. Bei einer Untersuchung wurden im Inneren des künstlichen Berges Insekten gefunden, die noch nach 4500 Jahren so frisch wirkten, als seien sie soeben von einer Schaufel Erde verschüttet worden. Im eigentlichen Steinkreis von Avebury nehmen wir uns Zeit, um den Steinen, der Erde und den majestätischen Bäumen zuzuhören, radiästhetische Untersuchungen zu machen, Souvenirs in den von Menschen wimmelnden Shops zu erstehen oder in dem großen Areal ganz verloren im Gras zu liegen und zu träumen. Denn obwohl ein ganzes kleines Dorf seit dem Mittelalter in den Steinkreis hineingewachsen ist und Avebury von vielen Menschen besucht wird, ist die Anlage so groß, daß man an seinem Platz eine enorme Stille finden kann.
Am späten Nachmittag machen wir uns zur letzten Station der Reise auf und wandern einen sanften Hang hinauf zum Erdwerk Oldbury Castle. Bisher scheint sich für Oldbury kein archäologisches Team wirklich zu interessieren. Mit den Augen eines Archäologen gesehen, ist hier auch nicht viel los: eine weitgehend zerstörte, eisenzeitliche Wallanlage, weiter nichts. Auf der Rückseite des Hügels befindet sich ein naturalistisches Weißes Pferd, das im letzten Jahrhundert in den Hügel geschabt wurde. Aus der Sicht eines Geomanten, der die Landschaft von Avebury als Ganzes zu begreifen versucht, ist Oldbury jedoch ein unterbewerteter, wesentlicher Baustein, ohne den die Steinkreise im Tal wohl nie die Kraft gehabt hätten, ein derart machtvolles Zentrum zu werden. Der Blick über die scharfe Hügelkante nach Westen, in die zum Atlantik abfallende Tiefebene hinein, lehrt uns dies eindrücklich: Die geologische Formation, die wir seit Uffington "Manger" nennen und die uns bis jetzt an allen großen Tempelbergen begegnet ist, finden wir hier in schier unendlicher Anzahl. Diese Landschaftsform stellt offensichtlich einen natürlichen Energieverdichter dar. Wie ein großer Magnet scheint Oldbury die Kräfte der umliegenden Täler anzusaugen und über eine weiche Hügelflanke in das Tal von Avebury hineinzuleiten. Von unserem erhöhten Aussichtspunkt erkennen wir auf Avebury zuweisend diverse steinzeitlichen Graben-Strukturen - Hilfen zur Lenkung der Lebenssäfte von Mutter Erde?
Oldbury ist ein gewaltiger Kraftquell von archaischer Macht. Unten im Tal ist diese Energie schon vielfach transformiert und gefiltert, eben "kultiviert". Hier oben kommt alles im Zustand des ursprünglichen Chaos zur Welt und sucht seinen Eingang in eine von Menschen und Göttern gestaltete Landschaft. Hier möchten manche gerne fliegen können, die steilen Abhänge hinunterkollern oder stundenlang sitzen, über das Land schauen und den Flug der Greifvögel beobachten, die in der starken Thermik ihre Lustspiele treiben.
Noch auf jeder Reise hat uns der Sonnengott hier ein paar Strahlen zum Abschied geschickt und alles in goldenes Licht getaucht. Wir sammeln uns zum Schluß im Kreis um den letzten und stärksten Kraftplatz der Reise. In Gedanken gehen wir alle Stationen noch einmal durch, finden zu einem Ende und lösen uns gemeinsam aus dem Zauberbann, den das Alte Europa in diesen Tagen um uns gewoben hat.
11. Tag - Heimreise
Für viele ReiseteilnehmerInnen sind die Eindrücke und Erfahrungen zu bleibenden Werten geworden. Manche, die zum ersten Mal die Arbeit mit der Wünschelrute kennengelernt haben, sind diesem Pfad weiter gefolgt und haben sich weitergebildet. Andere gehen mit offeneren Augen durch die Natur und nehmen die Beziehung zwischen dem Außen und dem Innen deutlicher wahr. Und natürlich gibt es einige, bei denen eine Liebe zu der milden Landschaft Somersets, Dorsets oder Wiltshires erwacht ist, die sie bestimmt noch ein zweites Mal dorthin zurückzieht. |